AKTE ANDERSON von Daniela Richter (aus MAX 8/98)


Sie wollte eine ernsthafte Schauspielerin werden. Aber dann hatte Gillian Anderson eine unheimliche Begegnung der dritten Art - mit dem Produzenten der Fernsehserie "Akte X". Der Beginn einer überirdischen Erfolgsgeschichte.

Dabei hatte sich Gillian Anderson geschworen, niemals fürs Fernsehen zu arbeiten, weil sie als Schauspielerin ernstgenommen werden wollte. "Sie war so cool, ich mußte ihr fast die Füße küssen, um sie zum Vorsprechen zu überreden", erzählt Chris Carter, Erfinder der Science-fiction-Serie "Akte X". Anders als die Bosse von Fox Television,  die lieber eine gefragte Fernsehschönheit engagieren wollten, war Carter davon überzeugt, daß Anderson die Richtige für die Rolle der starken, anabhängigen und intelligenten Agentin Scully war. Sie hatte zwar nur wenig Berufserfahrung, aber Carter war von ihrer Ausstrahlung begeistert. Und blieb hart: "Ich mußte meine eigene Karriere aufs Spiel setzen, um Gillian für die Serie zu bekommen."

Die Mühe hat sich gelohnt. Gillian Anderson hat bewiesen, was in ihr steckt. Mit ihren feuerroten Haaren, den leuchtend grünen Augen und trotz ihres schlichten grauen Kostüms gefällt sie nicht nur den Männern, auch Frauen mögen Dana Scully. "Diese Frauenrolle ist unüblich für das Fernsehen, weil sonst eher dusselige Blondinen gefragt sind", sagt Anderson, die 1996 und 1997 mit einem Golden Globe und einem Emmy ausgezeichnet wurde.

Die Tochter eines Filmtechnikers und einer Computerspezialistin hatte es oft nicht leicht. Ihre Kindheit verbrachte sie in London und kam erst mit zwölf Jahren in eine Kleinstadt in Michigan. "Für mich war das Leben in Amerika völlig neu. Die meisten meiner Mitschüler mochten mich nicht und wollten nichts mit mir zu tun haben", erzählt sie. Der britische Akzent brachte ihr nur Ärger ein. "Ich war so wütend. Auf einmal stand mir der Sinn nach roten Haaren, schrillen Miniröcken und einem Nasenring", sagt sie. Die Rolle der aufmüpfigen Punker-Lady gab sie erst auf, als sie zum ersten Mal auf der Bühne der High-School stand. Anderson: "In gewisser Weise hat die Schauspielerei mich vor dem Punk gerettet. Und mein Leben verändert. Ich hatte plötzlich etwas gefunden, von dem ich begeistert war und das ich lernen und studieren wollte. Selbst meine Schulnoten wurden besser."

Das Theaterspielen machte Gillian so viel Spaß, daß sie nach dem Schulabschluß an eine Schauspielschule in Chicago ging. Dort wäre sie beinahe abgerutscht: Sie begann zu trinken. "Mit Alkohol fühlte ich mich attraktiver und selbstsicherer." Glücklicherweise merkte sie schnell, daß sie auf dem falschen Weg war, hörte mit dem Trinken auf und zog nach New York. Sie hielt sich mit Kellnerjobs über Wasser und bekam erste Rollen am Theater. Gillian war 22 Jahre alt, als sie den begehrten Theatre World Award als beste Nachwuchsdarstellerin erhielt. Danach drehte sie ihren ersten Film, "The Turning", der allerdings ein Flop wurde. Eine Affäre brachte sie nach L.A. Glück in der Liebe, Glück im Spiel: Kurz darauf wurde aus Gillian Anderson die Geheimagentin für übersinnliche Fälle.

Im Privatleben widmet sich die hübsche Aktenordnerin ganz ihrer vierjährigen Tochter, die sie Piper (Dudelsackpfeife) nennt und überall mit hin nimmt. So kommt es vor, daß sie selbst bei den Dreharbeiten zu "Akte X" dabei ist. "Nein, ich mache mir keine Sorge, wenn Piper mit blutigen Requisiten spielt", sagt Anderson. "Piper hat ein sehr gesundes Gefühl für Angst. In einer Minute spielt sie mit ihrer Puppe, in der nächsten trägt sie einen künstlichen, blutenden Kuhkopf wie ein Baby durch das Studio. Das ist für sie normal." Da hat der Vater und ehemalige Gatte Clyde Klotz ("Akte X"-Art-Director) kein Wort mitzureden. Und auch der Schauspieler Rob Rowland, mit dem Anderson bis vor kurzem eine Affaire hatte, wurde nicht gefragt. "Bis ich meiner Tochter meinen neuen Ehemann vorstelle, muß ich mir ganz und gar sicher sein," sagt Anderson, die am 9. August 30 Jahre alt wird.

Sie muß sich wahrlich keinen Mut mehr antrinken, um souverän aufzutreten. In Hollywood hat sie sich einen Namen gemacht und nun durch den Kinofilm "Akte X - Der Film" auch beste Chancen auf eine Kinokarriere. Ihr nächster Leinwandauftritt wird in dem Film "The Mighty" sein, in dem sie neben Sharon Stone und Gena Rowlands eine exzentrische Alkoholikerin spielt. Dann kann Gillian Anderson endgültig beweisen, daß sie trotz der TV-Karriere eine ernsthafte Schauspielerin ist.

 

Gillian Anderson:

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