"Ich glaube schon, daß es andere Dimensionen gibt, die wir nicht wahrnehmen können"

Ein Interview mit David Duchovny zum Kinostart von Akte X - Der Film

(aus TV Highlights 8/98)


Als am 10. September 1993 die erste Folge der Mystery-Serie AKTE X über amerikanische Bildschirme flimmerte, war David Duchovny noch einer von vielen Schauspielern in Hollywood. Zwar beeindruckte der gebürtige New Yorker schon als Transvestit in David Lynchs Kultserie TWIN PEAKS und hatte auch schon einige Kinoauftritte in Filmen wie CHAPLIN (1992), EIN HUND NAMENS BEETHOVEN (1992) und CALIFORNIA (1993), doch erst mit der Rolle des FBI-Agenten Fox Mulder gelang ihm der Durchbruch. AKTE X gehört heute zu den besten Fernsehserien überhaupt, und die Fangemeinde wächst täglich.

Es war an der Zeit, daß Mulder und seine Kollegin Dana Scully (Gillian Anderson) mit ihren mysteriösen Fällen auf die große Leinwand ziehen. Am 6. August startet der geheimnisumwitterte AKTE X-Kinofilm, dessen Handlung nicht einmal die Synchronsprecher vorab komplett überschauen durften. Wieder geht es um Außerirdische, die die Welt unterjochen wollen, und endlich erleben wir David Duchovny als richtigen Kinohelden.

Davon hätte der am 7. August 1960 geborene Sohn russisch-jüdischer Einwanderer als Kind nie zu träumen gewagt. Ursprünglich wollte Duchovny eigentlich Schriftsteller werden. Er schaffte auch die Qualifikation für ein Englisch-Studium in Princeton und ein Promotionsstudium in Yale. Er schrieb gerade eine Arbeit über "Magie und Technologie in Lyrik und Prosa der Gegenwart", als er für den Werbespot für eine Biersorte, Marke Löwenbräu, entdeckt wurde. Seine akademische Laufbahn war damit freilich beendet.

Doch diese Entscheidung hat der eher zurückhaltende Star, der mittlerweile mit Tea Leoni aus DEEP IMPACT, verheiratet ist, nie bereut. TV Highlights traf den sympathischen Schauspieler in Berlin.

TV: Ist es ein Unterschied, ob man Fox Mulder fürs Fernsehen oder fürs Kino spielt?

DD: Ja, es gab diesmal Szenen, über die ich mir schon vorher den Kopf zerbrochen habe. Man darf nicht vergessen, daß ein Kinofilm auch eine neues Publikum bedeutet, das die Serie vielleicht nicht so gut oder gar nicht kennt. Deshalb mußte die Story so gestrickt werden, daß sie auch für einen Neuling verständlich wird. Auf der anderen Seite standen wir unter dem Druck, auch unseren Fans etwas Neues zu bieten. Ich hatte allerdings keine Lust, meinen Charakter, den ich schon vor fünf Jahren kreiert habe, auf irgendeine Weise zu ändern. Ich wollte nicht der neue James Bond oder Indiana Jones werden, nur weil wir jetzt einen großen Kinofilm drehen.

TV: Trotzdem mußte die Figur Fox Mulder einem neuen Publikum erst mal vorgestellt werden...

DD: Ja, darüber haben wir uns viele Gedanken gemacht und kamen schließlich auf die Idee mit der Bar, wo ich der Barkeeperin stellvertretend für alle, die mich nicht kennen, erzähle, wer ich bin und was ich als Mulder mache. Vor dieser Szene habe ich mich gefürchtet. Ich dachte, ich könnte das Publikum langweilen, weil ich so viel erklären muß.

TV: Wie furchterregend waren denn die ekligen Szenen mit den Aliens?

DD: Gar nicht! Das war eher lustig. Man weiß doch, daß da einer im Gummikostüm steckt, der sich ständig beschwert, weil es darin so heiß ist. Angst hatte ich nur vor den Stunts, von denen ich so viele wie möglich selbst ausführe. Ich mußte oft zu Boden fallen, herumkriechen, mich nach oben ziehen. Natürlich ist es gut, sich davor auch zu fürchten, dann wirkt es realistischer und weniger gespielt. Am schwierigsten war die Szene, in der ich Scully gegen Ende tragen mußte. Sie ist doch ziemlich schwer, und wir mußten aufpassen, daß es nicht lächerlich wirkt.

TV: Im Film kommt es auch fast zum Kuß zwischen ihnen. Darauf warten die Fans schon sehr lange...

DD: Schon in der Serie haben wir es oft angedeutet, daß sich Mulder und Scully unter anderen Umständen näher kommen würden. Aber es blieb meistens nur beim Lächeln, fürs Kino wollten wir ein bißchen mehr bieten. Aber unsere Beziehung entwickelt sich jetzt nicht anders als in einer Serienfolge. Im Film kommt es nur dazu, weil Mulder Angst hat, sie zu verlieren.

TV: Glauben Sie eigentlich an mysteriöse Verwicklungen wie in AKTE X?

DD: Ich glaube schon, daß es andere Dimensionen gibt, die wir nicht wahrnehmen können. Aber ich halte es für unwahrscheinlich, daß es außerirdische Kreaturen gibt, die es auf uns abgesehen haben.

TV: Jeder fünfte Amerikaner will schon mal ein UFO gesehen haben. Gehören Sie auch dazu?

DD: Nein, aber es wäre doch möglich, daß es am Himmel nur so vor herumschwirrenden UFOs wimmelt, aber wir nicht in der Lage sind, sie wahrzunehmen.

TV: Also halten Sie es schon für möglich, daß es auf der Erde Besucher aus dem All gibt?

DD: Es ist doch genauso wie mit der Frage, ob es einen Gott gibt. Glaubt man daran, sollte man sein Leben auch so führen. Dann kann man nicht überrascht werden, falls man ihm nach dem Tod wirklich begegnet. Ich glaube schon, daß es Außerirdische gibt, aber die sind so weit entfernt, daß wir niemals mit ihnen in Kontakt treten können.

TV: Das hängt doch von der technischen Weiterentwicklung ab...

DD: Ja, aber das ist ein anderes Thema. Viele meinen auch, daß uns die Technik eines Tages zerstören könnte. Aber es liegt in der Natur des Menschen, daß er herumforscht und sein Auto noch schneller fahren lassen will. Die Technik macht unser Leben auch leichter, aber wohin das führen wird, weiß ich auch nicht.

TV: Wann hatten Sie das erste Mal in Ihrem Leben so richtig Angst?

DD: Da muß ich mal überlegen, da gibt es soviele Momente. Aber etwas, woran ich mich noch gut erinnern kann, passierte, als ich neun Jahre alt war. Ich war mit meiner Mutter in London. Sie schickte mich zum Gemüsehändler, der gleich um die Ecke war. Aber irgendwie habe ich mich trotzdem verlaufen. Es war schrecklich. Ich war in der fremden Stadt verloren, und plötzlich wurde mir bewußt, daß ich meine Familie niemals wiedersehen würde. Ich habe geweint. Zum Glück kamen zwei ältere Damen auf mich zu und konnten mir helfen. Als Kind nimmt man solche Momente sehr intensiv war.

TV: Wie erklären Sie sich den großen Erfolg von AKTE X?

DD: Vielleicht, weil wir an der Grenze zu einem neuen Jahrtausend stehen. Die Menschen stellen Fragen nach einem höheren Sinn des Lebens. Aber was man nicht vergessen sollte, ist, daß AKTE X einfach eine gutgemachte Serie ist.

TV: Eigentlich wollten Sie Schriftsteller werden. Haben Sie diesen Wunsch heute ganz aufgegeben?

DD: Nein. Als Schauspieler steht man unter permanenter Beobachtung, als Schriftsteller hat man seine Ruhe. Ich stelle fest, daß, je älter ich werde, desto mehr Ruhe wünsche ich mir in meinem Leben. Ich bin nicht der Typ, der ständig die Frage geklärt haben möchte, ob er noch beliebt ist und ob die Leute ihn noch in Filmen sehen möchten. Das entspricht doch mehr den Sehnsüchten von jüngeren Schauspielern. Deshalb werde ich mich eines Tages bestimmt zurückziehen.

TV: Aber ist es nicht auch ein angenehmes Gefühl, durch eine Rolle so bekannt und beliebt zu werden?

DD: Nun, ich mag die Schauspielerei und habe nichts dagegen, jetzt mit Ihnen hier zu sitzen und über Filme zu reden. Aber was ich nicht leiden kann, ist, wenn mich Leute kennen, die ich nicht kenne. Ich hätte lieber die Freiheit, ganz normal herumlaufen zu können, um nicht ständig auf Mulder angesprochen zu werden. Aber ich will mich nicht beschweren. Man wird gut behandelt, verdient gutes Geld, aber der Verlust meiner Freiheit ist schon sehr groß.

TV: Wie denkt Ihre Frau darüber?

DD: Sie sieht es genauso. Es wird oft behauptet, daß man als Schauspieler kein Anrecht mehr auf eine Privatsphäre hätte. Aber man wird Schauspieler, weil man etwas mitteilen will, und nicht, um von allen geliebt zu werden.

TV: Wird es einen zweiten AKTE X-Film geben?

DD: Das hängt vom Erfolg des ersten ab. Aber ich hoffe es doch sehr!

 

Das Interview führte Markus Tschiedert


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