"Ich bin dümmer als meine Rolle" (aus ZEITmagazin Nr.33 / 6. August 1998)


In "Akte X", dem Film zur Fernsehserie, spielt Gillian Anderson eine Wissenschaftlerin, die für das FBI Aliens jagt. Dabei sind Fremdwörter für sie Zungenbrecher. Wie wurde sie mit diesem Kauderwelsch weltberühmt? Ein Gespräch von Richard Pleuger

ZEITmagazin: Als FBI-Agentin Dana Scully sind Sie in der Fernsehserie "Akte X" Verschwörern und Außerirdischen auf der Spur und können niemandem trauen, nicht einmal Ihren Vorgesetzen. Hat der Verfolgungswahn Sie auch im echten Leben schon ergriffen?

Gillian Anderson: Ich hoffe nicht. An Außerirdische habe ich aber schon immer geglaubt, und die Informationen, die man in der Serie bekommt, haben mich in meiner Meinung noch bestärkt. Wenn ich nach   anstrengenden Dreharbeiten nachts erschöpft in den Himmel gucke, weiß ich, daß das Universum viel zu groß ist, um die Möglichkeit auszuschließen, daß es darin noch anderes Leben gibt.

ZM: "Akte X" hat Sie in fünf Jahren zum Star gemacht. Ist Ihnen der Erfolg unheimlich?

Anderson: Nein, aber er nervt. Ich kann mich nicht mehr in meinem Haus aufhalten, ohne daß Photographen versuchen, unbemerkt Bilder von mir zu schießen. Oft liege ich in der Badewanne und denke darüber nach, wie lächerlich das alles ist. Dabei bin ich wirklich nur an meiner Arbeit interessiert.

ZM: Das klingt tatsächlich unangenehm.

Anderson: Das ist es auch. Ich wünsche mir sehr, daß sich das öffentliche Interesse an mir endlich abkühlt. Je berühmter ich werde, desto schwieriger ist es, Beziehungen zu Menschen aufzubauen, denn viele lieben nur meinen Ruhm.

ZM: Deutsche und amerikanische Fernsehzuschauer haben Sie sogar zur "erotischsten Frau im TV" gewählt. Freut Sie das?

Anderson: Ja, natürlich. Scullys Unnahbarkeit macht sie sehr sexy, und viele Männer finden wohl auch ihre Selbstsicherheit und Intelligenz verführerisch. Als die Serie in den USA anlief, nannten mich viele Kritiker "eine unkonventionelle Schönheit", das empfand ich als Beleidigung.

ZM: Vielleicht staunten die Kritiker über Ihre etwas gekrümmte Nase. Jede andere amerikanische Schauspielerin würde sich sofort einer Schönheitsoperation unterziehen, um ihre Chancen in Hollywood zu steigern.

Anderson: Ich mag meine Nase, wie sie ist. Beim Vorsprechen für die Rolle habe ich mir nicht einmal die Mühe gegeben, so konservativ auszusehen, wie die Produzenten es wollten. Ich kam in schwarzen Jeans, meine Haare waren zerzaust. Das zweite Mal sollte ich im Anzug erscheinen, ich kam in einem viel zu großen. Und es hat trotzdem geklappt. Oder gerade weil ich ich selbst geblieben bin.

ZM: Scully sieht in ihren eleganten Kostümen und Anzügen wie eine biedere Angestellte aus und wirkt dazu noch ziemlich verklemmt. Würden Sie sie mögen, wenn Sie ihr begegneten?

Anderson: Ich denke schon, weiß aber nicht, ob wir viel zu reden hätten. Sie ist eine großartige Frau, stark und unabhängig - aber eben auch ein distanzierter, wenig spontaner Mensch.

ZM: Und ein Workaholic ohne jeden Sinn für Humor. Man hat Scully noch nie lachen sehen.

Anderson: Sie hat ja auch nichts zu lachen. Sie beschäftigt sich nur mit Sterbenden, Serienmördern, ALiens und Killerviren. Was soll daran lustig sein? Vielleicht ähnele ich ihr ein bißchen. Wie sie bin ich ein zurückhaltender Mensch. In den vergangenen Jahren haben sich diese Wesenszüge noch verstärkt. Vielleicht wird Scully aber irgendwann auch mal richtig herzhaft lachen können. Ich habe das Gefühl, sie lächelt in jeder Episode ein wenig mehr.

ZM: Wahrscheinlich grinst sie heimlich über die irrsinnig komplizierten wissenschaftlichen Begriffe, die sie immer sagen muß.

Anderson: Am Anfang lachten wir uns bei den Dreharbeiten kaputt, weil ich alle möglichen Ismen verwechselte. Ich habe diese Wörter dann regelrecht trainiert, Scully ist beinahe unanständig intelligent, ich bin das nicht.

ZM: Ihr Partner David Duchovny, der den FBI-Agent Fox Mulder spielt, macht sich gerne über seine Rolle lustig, weil sie so simpel sei: Die beiden Beamten suchen nach Erklärungen für allerlei Merkwürdiges, finden aber nie welche, und irgendwie klingen ihre Dialoge immer gleich. Geht Ihnen das nicht auf die Nerven?

Anderson: Manchmal habe ich schon das Gefühl, daß ich immer das gleiche sage und die Zuschauer eigentlich über mich lachen müßten.

 

Aber unser Produzent, Chris Carter, beruhigt mich dann: Scully ist Wissenschaftlerin und Ärztin, sie redet eben so. Und außerdem: Bisher hat die Serie sehr gut funktioniert.

ZM: Sie ist in mehr als sechzig Ländern zu sehen. Warum, glauben Sie, ist sie so erfolgreich?

Anderson: Sie bringt den Zuschauer dazu, die ganze Wissenschaft, Technik und Medizin und auch noch sich selbst in Frage zu stellen. Deshalb funktioniert sie Serie so gut im Fernsehen: Die Zuschauer sitzen im Wohnzimmer und diskutieren, was sie gerade gesehen haben. Für sie ist die Serie eine spirituelle Suche nach dem Sinn des Lebens. Viele Menschen haben den Glauben an die staatlichen Institutionen verloren und schließen die Möglichkeit paranormaler Wahrheiten nicht mehr aus. Die Regale in den Buchläden sind voller Bücher  über Engel, das Wissen der Ureinwohner und Entführungen durch Außerirdische.

ZM: Dort steht auch eine ganze Reihe von Romanen zur Serie.

Anderson: Ja, ich glaube, Scully und Mulder spenden den Menschen wirklich Trost.

ZM: Ist es nicht auch gerade schick zu glauben, daß hinter allem ein großes Geheimnis steckt?

Anderson: Verschwörungstheorien sind ganz sicher ein Trend dieser Zeit. Der Watergate-Skandal hat den Produzenten Chris Carter sehr geprägt. Die Affäre hat uns gezeigt, daß die amerikanische Regierung genauso fehlerhaft ist, wie wir. Deshalb behauptet die Serie immer wieder, daß die Regierung häufig nicht die Wahrheit sagt. Sie ist eine Stimme der Frustrierten und Enttäuschten Amerikas.

ZM: In "Akte X - Der Film", der jetzt in die Kinos kommt, gibt es einen Oberbösewicht, der ständig raucht. Ist der große Schuldige also die Zigarettenindustrie?

Anderson: Der Film versucht nur, politisch korrekt zu sein. Aber die Wahrheit ist bestimmt "irgendwo da draußen", wie Scully immer sagt. 

ZM: Ist "Akte X" nicht vielleicht selbst Teil einer Verschwörung unter der Leitung von Rupert Murdoch, dem Besitzer des Senders, der "Akte X" in den USA ausstrahlt. Bestimmt will der die intelligenteren Fernsehzuschauer manipulieren.

Anderson: Das glaube ich nicht. Außerdem ermuntert die Sendung ihre Zuschauer doch geradezu, Autoritäten in Frage zu stellen.

ZM: Trotzdem ist Ihre Produktionsfirma selbst ein großer Geheimniskrämer: Einzelne Szenen des Kinofilms wurden angeblich bis kurz vor Drehbeginn geheimgehalten.

Anderson: Es stimmt, wir bekamen das vollständige Skript erst wenige Wochen vorher. Er war nervig, weil deshalb keine Zeit mehr blieb für Diskussionen und Änderungen. Wenn ich nicht immer dieselbe Figur spielen würde, würde mich das als professionelle Schauspielerin wahnsinnig machen.

ZM: Man hat Ihnen also nicht mit einer geheimnisvollen Amnesiepille die Erinnerung gelöscht - oder mit einer anderen irren Erfindung, wie sie in "Akte X" ständig auftauchen? 

Anderson: Nein, Chris Carter sorgt schon dafür, daß wir alle auf dem Set die Klappe halten.

ZM: Vor vier Jahren standen Sie vor der Kamera, obwohl sie schwanger waren mit Ihrer Tochter Piper Maru. Wie war das für Sie - mit einem neuen Leben im Bauch unter lauter Aliens und Finsterlingen?

Anderson: Ich reagierte auf alles überempfindlich, insbesondere auf Gewalt. Ich mußte mich sehr anstrengen, damit mir die Düsternis der Serie nicht zu nahe ging.

ZM: Wie haben Sie es geschafft, Ihre Schwangerschaft im Film zu verbergen?

Anderson: Wir haben in der zweiten Staffel viele Großaufnahmen von mir gedreht, und ich trage oft die großen, praktischen FBI-Trenchcoats. Die Kameracrew gab sich alle Mühe, um meine sich verändernde Figur herumzufilmen. Ich sitze hinter Tischen oder trage Aktenordner vor dem Bauch. Zudem konnten Chris Carter und seine Autoren die Storyelemente so anlegen, daß ich von ausschweifenden Actionsequenzen verschont blieb.

ZM: Millionen "Akte X"-Fans warten seit Jahren darauf, daß Dana Scully und Fox Mulder ein Paar werden. Warum haben sich die beiden noch nicht ineinander verliebt?

Anderson: Dann wäre die Magie der Serie futsch. Scully und Mulder lernen sich über die Jahre bei der Arbeit immer besser kennen. Aber wenn sie miteinander ins Bett gingen, wäre die Serie zu Ende.

ZM: In "Akte X - Der Film" gibt es eine Szene, in der Sie sich beinahe küssen. Leider verhindert das eine Biene, die sie sticht.

Anderson: Es ist für mich ein Heidenspaß, den physischen Kontakt mit Mulder immer wieder hinauszuzögern. Spannung, Spannung, Spannung - Pieks! Unsere Beziehung ist so faszinierend, weil das Vorspiel nun schon fünf Jahre dauert.

ZM: Bestimmt wird der Film ein großer Erfolg - alle Fernsehzuschauer wollen wissen, ob's nicht wenigstens im Kino endlich funkt.

Anderson: Der Film wird die Besessenheit der Fans sicher noch steigern. Und hinterher werden noch mehr Leute vor dem Fernseher sitzen.

ZM: Es heißt, David Duchovny und Sie könnten sich nicht riechen. Für solchen Gerüchte interessieren sich die Zuschauer natürlich auch brennend.

 

Anderson: Wenn jahrelang fünf Tage pro Woche zusammenklebt, ist es gut, privat Distanz zu halten. Manchmal führen wir vor der Kamera intime, tiefgründige Gespräche. Dabei bleibt es. Wir besuchen uns nicht an Wochenenden, Wir wissen, daß wir uns aufeinander verlassen können, aber wir reden sonst nicht viel miteinander.

ZM: Finden Sie Duchovny so attraktiv, wie die Fernsehzuschauerinnen das tun? 

Anderson: David ist sehr selbstsicher und besitzt eine gewisse Arroganz, die nicht mit Selbstverliebtheit zu verwechseln ist. Klar, kann man das anziehend finden. Ich könnte mir sogar vorstellen, irgendwann mit David mal was trinken zu gehen. Ich denke schon an die Zeit, in der wir "Akte X" hinter uns haben. Dann werden wir in Nostalgie schwelgen, uns an all die schönen Momente erinnern, die wir gemeinsam erlebt haben.

ZM: Bevor die Serie Sie berühmt machte, spielten Sie in New York Theater - und gerade mal in einem einzigen kleinen Film. Sie haben auf ganz ungewöhnliche Weise Karriere gemacht.

Anderson: Mein Manager lacht, wenn ihn die Leute für den Ingenieur meiner tollen Karriere halten. Er sagt immer: "Welche Karriere? Das Mädchen hat doch außer 'Akte X' noch nichts gemacht."

ZM: Immerhin spielen Sie in dem Kinofilm "The Mighty", der demnächst in die Kinos kommt, neben Sharon Stone eine Alkoholikerin. Haben Sie sich darauf eingelassen, um wenigstens für kurze Zeit von Scully loszukommen?

Anderson: Ich wollte mal zeigen, was noch in mir steckt. Während meines Studiums an der Schauspielschule von Chicago hatte ich festgestellt, daß ich gerne trinke. Trotzdem fiel es mir leicht, den Leuten vorzumachen, es wäre alles in Ordnung. So weit in Ordnung, wie es bei einer jungen Frau mit rasiertem Kopf und schwarzen Kleidern sein kann. Ich mochte Alkohol, weil ich mich dadurch sicherer und anziehender fühlte. Richtig sexy.

ZM: Wie sind Sie von der Sucht losgekommen?

Anderson: Glücklicherweise hörte ich auf den Rat von Menschen, die es ernst mit mir meinten. Ich begriff, daß ich mich meinen Gefühlen, der Angst und der Frustration, stellen mußte. Mit 21 habe ich das Trinken dann völlig aufgegeben. Sonst wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.

ZM: In Ihrer Biographie, die vor kurzem auch auf Deutsch erschienen ist, erwähnen Sie ein Schwarzweißphoto, das Sie früher immer bei sich trugen. Es zeigt Sie als dreijähriges Kind. Was war daran so besonders?

Anderson: Es machte mich traurig, wenn ich es betrachtete. Ich sah in meinem Gesicht eine Kraft, die ich lange Zeit nicht nutzen konnte. Als Teenager und Studentin fühlte ich mich unfähig, an diesen Kern meiner Persönlichkeit zu gelangen. Die Reinheit dieses Kindes war für mich unerreichbar. Heute ist das anders.

ZM: Sie wurden in Chicago geboren und zogen mit Ihren Eltern viel herum.

Anderson: Wir wohnten über ein Jahr in Puerto Rico. Danach zog die Familie nach London, wo mein Vater am British Film Institute studierte. Er drehte einige Dokumentarfilme und hat jetzt seine eigene Produktionsfirma. Dann gingen wir wieder zurück in die USA.

ZM: Warum wurden Sie als Teenager in Ihrer Schulklasse zum "bizarrsten Mädchen" gewählt - einer dieser Titel, die amerikanische Schüler nach dem Abschluß aus Spaß gerne vergeben?

Anderson: Der Umzug aus der Metropole London nach Grand Rapids, einer Kleinstadt im Bundesstaat Michigan, machte mich fast wahnsinnig. Dort fühlte ich mich wie eine Außerirdische - völlig fehl am Platz. Ich hatte Schwierigkeiten, mich in der Schule zu integrieren und einen Freundeskreis aufzubauen. Ein Teenager muß herausfinden, wer er ist. Das fiel mir verdammt schwer.

ZM: Wurden Sie deshalb ein Punk?

Anderson: Als die Punkbewegung losging, wohnte ich schon wieder in den USA. Meine Eltern hatten aber noch ihre Wohnung in London, und ich verbrachte dort die Sommer. Ich hatte lila Haare, einen Irokesenschnitt und liebte es, die Leute mit meinem Aussehen aus der Fassung zu bringen.

ZM: Was waren damals Ihre Lieblingsbands?

Anderson: Dead Kennedys, Bauhaus, Circle Jerks und PIL. Ich trug einen Nasenring. Als ich sah, daß Punk Mode wurde, zog ich mir das Ding wieder raus. Das tat höllisch weh, weil der Ring in der Nasenscheidewand festgewachsen war.

ZM: Was haben Sie diesmal nach London mitgenommen - in dieses Hotel, in dem wir uns unterhalten?

Anderson: Ruhige Musik. Bach, Emmylou Harris, Radiohead, Jeff Buckley, Franz Schubert.

ZM: In ein paar Tagen werden Sie dreißig Jahre alt. Wie lange werden Sie noch Scully sein?

Anderson: So lange, bis ich keinen Spaß mehr mit ihr habe.


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